Am 8. Oktober eröffnete Dr. Daniel Steiners, CEO der Roche Pharma AG und Geschäftsführer der Roche Holding in Deutschland, die Friday-Talk-Reihe des neuen Semesters für den Pharma MBA der Goethe Business School. Die Veranstaltungsreihe bietet hochkarätige Vorträge zu Themen der Gesundheitswirtschaft und Pharmaindustrie, die sich sowohl an Studierende als auch an die interessierte Öffentlichkeit richten.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Otto Quintus Russe, Geschäftsführer des House of Pharma & Healthcare, der die neuen Studierenden an der Goethe-Universität Frankfurt begrüßte und anschließend Dr. Daniel Steiners vorstellte.
In seinem Vortrag mit dem Titel „Where the Next Billion Won’t Go“ beleuchtete Steiners die wirtschaftlichen Grundlagen pharmazeutischer Innovation und die Faktoren, die Investitionsentscheidungen in Forschung und Entwicklung (F&E) beeinflussen. Dabei ging er besonders auf den zunehmenden globalen Wettbewerb um F&E-Investitionen und das transformative Potenzial der künstlichen Intelligenz (KI) ein.
Pharmazeutische Forschung und Entwicklung – eine risikoreiche Investition
Steiners eröffnete seinen Vortrag mit einem Gedankenexperiment und fragte das Publikum, ob man bereit sei, zwischen ein bis drei Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren zu investieren. Das Risiko eines vollständigen Verlusts liege bei 90 Prozent, im Erfolgsfall aber seien jährliche Spitzenumsätze von bis zu zehn Milliarden Dollar möglich. Wenig überraschend zeigten sich bei diesem Stimmungsbild nur wenige im Publikum bereit, das Risiko einzugehen.
„Welcome to pharma“, kommentierte Steiners und verdeutlichte damit die Risiken, die dem Geschäftsmodell der Pharmaindustrie zugrunde liegen.
Anschließend betonte Steiners, dass es weit mehr als wissenschaftliche Exzellenz brauche, um neue Medikamente zu den Patientinnen und Patienten zu bringen. Entscheidend seien auch erhebliche finanzielle Mittel, spezialisierte Infrastruktur, regulatorische Expertise und attraktive Rahmenbedingungen für Investitionen in pharmazeutische Forschung und Entwicklung.
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Produkt auf den Markt zu bringen“, so Steiners. Damit unterstrich er auch die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren des pharmazeutischen Innovationsökosystems.
Roche selbst investiert jährlich rund zwölf Milliarden Schweizer Franken in Forschung und Entwicklung und verfügt über eine Pipeline von etwa 70 Projekten. Steiners betonte, dass die Erträge erfolgreicher Medikamente entscheidend seien, um die Entwicklung der nächsten Generation von Therapien zu finanzieren. Dieser Zusammenhang stelle auch die verbreitete Wahrnehmung der Profitabilität der Pharmaindustrie infrage. Hohe Gewinnmargen bedeuteten nicht zwangsläufig hohe Kapitalrenditen, insbesondere in einer Branche, die durch erhebliche Vorabinvestitionen und ein hohes Risiko des Scheiterns geprägt sei.
Künstliche Intelligenz: Neue Perspektiven für die Arzneimittelentwicklung
Steiners hob hervor, dass künstliche Intelligenz das Potenzial habe, dieses risikoreiche Geschäftsmodell grundlegend zu verändern, insbesondere durch eine Beschleunigung der frühen Phasen der Arzneimittelentwicklung. Bei sogenannten „Lab in a Loop“-Ansätzen könne KI den Forschenden helfen, vielversprechende Moleküle vorherzusagen, Experimente zu planen, aus deren Ergebnissen zu lernen und ihre Ansätze effizienter weiterzuentwickeln.
„Früh scheitern, kostengünstig scheitern“, betonte Steiners mit Blick auf das Potenzial von KI, die Kosten fehlgeschlagener Entwicklungsprojekte durch bessere Vorhersagen zu reduzieren. Diese Kosten steigen in den späteren Phasen der Arzneimittelentwicklung drastisch an.
Roche investiert in verschiedene KI-Anwendungen, von der Erleichterung alltäglicher Aufgaben der Mitarbeitenden bis hin zu „großen Ideen“ mit disruptivem Potenzial für die Arzneimittelentwicklung. Um diese KI-getriebenen Veränderungen zu ermöglichen, investiert das Unternehmen auch in die erforderliche Hardware-Infrastruktur. Gemeinsam mit NVIDIA hat Roche zwei große KI-Rechenzentren in den USA und Europa aufgebaut, die die notwendige Rechenleistung für anspruchsvolle KI-Anwendungen in der Forschung und Entwicklung bereitstellen. Diese eigene Infrastruktur ermöglicht es Roche zudem, sensible Forschungsdaten sicher zu verarbeiten, ohne sie an externe KI-Anbieter weitergeben zu müssen.
Der globale Wettbewerb um pharmazeutische Investitionen
Doch auch wenn technologische Fortschritte die Kapitalrendite positiv beeinflussen können, sind die Rahmenbedingungen eines Standorts ebenso entscheidend dafür, dass Innovationen tatsächlich bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Angesichts des wachsenden internationalen Wettbewerbs bestimmen diese Standortfaktoren zunehmend, wohin Unternehmen ihr Kapital lenken, so Steiners.
Insbesondere die USA, auf die etwa die Hälfte des weltweiten Pharmamarktes entfällt und die attraktive regulatorische Rahmenbedingungen bieten, ziehen erhebliche Investitionen in Forschung, Entwicklung und Produktion an. Gleichzeitig baut China seine wissenschaftliche Infrastruktur und seine Innovationskapazitäten im Pharmabereich rasch aus. Auch Japan hat seine Wettbewerbsfähigkeit durch regulatorische Reformen gestärkt.
Europa, das rund 22 Prozent des globalen Pharmamarktes ausmacht, verfüge zwar über erhebliche wissenschaftliche Kompetenzen, habe jedoch Schwierigkeiten, Forschungsergebnisse erfolgreich in marktfähige Innovationen zu überführen, sagte Steiners. Er führte dies auf fragmentierte Märkte, einen begrenzten Zugang zu Wachstumskapital und die regulatorische Komplexität innerhalb Europas zurück.
Nach Steiners sind fünf Faktoren für die Investitionsentscheidungen pharmazeutischer Unternehmen besonders ausschlaggebend: die Geschwindigkeit bis zur Markteinführung, verfügbare Talente und Innovationsökosysteme, die erwartete Kapitalrendite, die physische und digitale Infrastruktur sowie ein verlässlicher politischer und regulatorischer Rahmen. Da pharmazeutische Entwicklungszyklen mehr als ein Jahrzehnt umfassen, seien Stabilität und langfristige Planungssicherheit besonders wichtig. Vor diesem Hintergrund äußerte sich Steiners kritisch zu jüngsten politischen Veränderungen in Deutschland, die die Rahmenbedingungen für F&E-Investitionen beeinflussen. Obwohl Deutschland mit international anerkannten Forschungseinrichtungen, etablierten Pharmaunternehmen und einem starken Netzwerk spezialisierter Zulieferer über viele Voraussetzungen verfüge, um weiterhin ein führender Innovationsstandort zu bleiben, könnten solche Veränderungen Investitionsentscheidungen negativ beeinflussen.
Insgesamt verdeutlichte Steiners’ Vortrag die Risiken und Chancen pharmazeutischer Innovation und gab sowohl dem neuen Pharma-MBA-Jahrgang als auch dem weiteren Publikum Einblicke in die komplexen Entscheidungsprozesse hinter Investitionen in pharmazeutische Forschung und Entwicklung.