Vernachlässigte Krankheiten betreffen uns alle

Von Europa aus gesehen, zählen Zoonosen traditionell primär zu den Tropenkrankheiten, die vor allem die Länder des globalen Südens betreffen. Sie werden bei der Erforschung und Entwicklung medikamentöser Therapien vernachlässigt, ...

Pandemie schärft den Blick für die Bedrohung durch Zoonosen

Von Europa aus gesehen, zählen Zoonosen traditionell primär zu den Tropenkrankheiten, die vor allem die Länder des globalen Südens betreffen. Sie werden bei der Erforschung und Entwicklung medikamentöser Therapien vernachlässigt, weil die betroffenen Länder meist nicht reich genug sind, um einen attraktiven Absatzmarkt zu bieten. Wie trügerisch dieser Blick ist, zeigt die COVID-19-Pandemie. Denn auch sie ist eine Zoonose, deren viraler Erreger aller Wahrscheinlichkeit nach von einer Fledermausart auf den Menschen übergesprungen ist. Bedingt durch die Erderwärmung im Zuge des Klimawandels wandern zudem Mückenarten nach Europa ein, die Erreger wie das Zika- oder das West-Nil-Virus in Zukunft auch hierzulande übertragen werden. Vernachlässigte Krankheiten nicht länger zu vernachlässigen, ist deshalb ein Gebot globaler Daseinsvorsorge – auch weil sie in armen Ländern mit politischer Instabilität, Gewalt und Migration verknüpft sind. Das wurde bei der virtuellen Veranstaltung „Mücken, Würmer und Co. ¬– was kommt nach Corona?“, zu der die Initiative Gesundheitsindustrie Hessen eingeladen hatte, von allen Referenten betont.

Ein LOEWE-Zentrum für Milliarden

Die Dimension des Problems machte Prof. Stephan Becker deutlich, der darauf hinwies, dass mehr als eine Milliarde Menschen in 150 Ländern der Erde an Neglected Tropical Diseases (NTDs) litten. Aus gutem Grund nähme die Bekämpfung von NTDs seit dem G7-Gipfel von 2015 in Schloss Elmau einen wichtigen Platz auf der weltpolitischen Agenda ein. Becker leitet das Institut für Virologie der Universität Marburg und in Personalunion das LOEWE-Zentrum DRUID, in dem sich seit mehr als drei Jahren akademische Partner aus Frankfurt, Gießen, Marburg und dem Paul-Ehrlich-Institut in Langen in 25 Forschungsprojekten dem Ziel verschrieben haben, innovative Wirkstoffe und Diagnostika gegen NTDs zu entwickeln. Dabei setzen sie auf Synergien mit Pharmaunternehmen, vernetzen sich mit internationalen Partnern, bieten Ausbildungsprogamme für Nachwuchswissenschaftler aus Afrika an und versuchen, ihre Arbeit nachhaltig zu verankern. „Wir sind gerade dabei, den Antrag für die nächste Förderperiode einzureichen“, sagte Becker. Er unterstrich, wie wichtig politische Unterstützung auf diesem Gebiet sei: „Man kann Pharmaunternehmen keinen Vorwurf machen, wenn sie keine Medikamente entwickeln, denn jedes Unternehmen muss ja Geld verdienen, und da kommt die Politik ins Spiel, die erkannt hat, welche große Rolle vernachlässigte Erkrankungen auch für die Bevölkerung hierzulande spielen.“

Ein Beispiel unternehmerischer Verantwortung

„Große Pharmafirmen werden im Bereich vernachlässigter Krankheiten kaum Grundlagenforschung betreiben“, bestätigte Prof. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung der Sanofi-Aventis Deutschland und Vizepräsident des House of Pharma & Healthcare. Aber wenn sich zum Beispiel aus der Forschung von DRUID eine Perspektive ergebe, dann müsse man sie auch in ein Arzneimittel überführen. Dafür böten sich Public-Private-Partnerships an. „Da kommt dann unsere Stärke in der Entwicklung zum Tragen, unterschätzen sie unsere gesellschaftliche Verantwortung nicht.“ So sei es Sanofi dank der Initiative seines Forschers Prof. Heinz Hänel etwa gelungen, einen Wirkstoff aus einer alten Substanzbibliothek der Hoechst AG in ein orales Medikament gegen die afrikanische Schlafkrankheit zu entwickeln. Während sich die Schlafkrankheit bisher nur mit äußerst schmerzhaften intravenösen Injektionen (und entsprechend geringer Compliance der Patienten) habe behandeln lassen, könne Fexafenizol nun als Tablette genommen gar eine Heilung der parasitär verursachten Erkrankung herbeiführen. Unterstützt wurde Sanofi dabei von der Bill und Melinda Gates Stiftung. Insgesamt sei es notwendig „davon wegzukommen, es gebe verschiedene Gesundheiten. Deswegen finde ich die One-Health-Initiative der Weltgesundheitsorganisation extrem wichtig. Denn die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt hängen eng zusammen.“ Dementsprechend plädiere der One-Health-Ansatz für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Humanmedizin, Veterinärmedizin und Umweltwissenschaften.

Eine Herzensangelegenheit für den Minister

„Zusammenarbeit, wirklich im wahren und wahrsten Sinne des Wortes“, sei es auch, welche hessische Initiativen wie DRUID auszeichne, lobte Tarek Al-Wazir, Hessens Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung. Für ihn sei die Bekämpfung von vernachlässigten Krankheiten eine Herzensangelegenheit. In den Jahren, die er als Jugendlicher bei seinem Vater im Jemen verbracht habe, sei ihm das Leid der davon betroffenen Menschen deutlich vor Augen getreten. „Menschen, die arm sind und keine Krankenversicherung haben, Staaten, die arm sind und keine ausreichenden Gesundheitsstrukturen haben – da ist es klar, dass medizinische Hilfe auf normalem Wege nicht funktioniert“, sagte der Minister. „An dieser Stelle die Wissenschaften und die Ministerien und die Unternehmen zur Kooperation zusammenzubringen, ist deshalb der Kern des Ganzen und führt Schritt für Schritt zum Erfolg.“ Als Wirtschaftsminister sei er auch für die gute Entwicklung des Pharmasektors in Hessen verantwortlich, sagte al-Wazir, aber Wirtschaft dürfe am Ende kein Selbstzweck sein, sondern müsse den Menschen nützen.

Die Rückkehr der Malaria

„Menschen- und Naturschutz muss zusammengehen, es gibt keinen anderen Weg“, betonte Prof. Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Die menschliche Gesundheit könne nicht getrennt vom Klimawandel und von dem rapiden und teilweise unwiederbringlichen Rückgang der biologischen Vielfalt betrachtet werden. „Wir hatten Malaria in Europa und wir werden sie wieder haben, wenn die Temperaturen steigen.“ Die Übertragung von Zoonosen werde verstärkt durch die Zerstörung bisher unberührter natürlicher Lebensräume, in deren ursprünglicher Biodiversität das Wissen der gesamten Evolution gespeichert sei. Aus der Covid-19-Pandemie könne man lernen, dass Forschung künftig viel dynamischer in globalen Netzwerken zu leisten sei. Die Forschung werde stärker datengetrieben sein und in Echtzeit durchgeführt werden, um beispielsweise Frühwarnsysteme zu installieren „für neue Arten, die eingeschleppt werden, damit wir rechtzeitig gegensteuern können“. Dazu müsse man aber die Durchlässigkeit im Wissenschaftssystem erhöhen und die Anreize in der Wissenschaft anders setzen. „Die Struktur der akademischen Forschung unterstützt derzeit das Arbeiten in Silos, das müssen wir ändern und uns stärker öffnen, auch gegenüber der Öffentlichkeit.“

Die Notwendigkeit besserer Vorbereitung

Dem schloss sich Prof. Sven Klimpel, Dekan des Fachbereichs Biowissenschaften der Goethe-Universität, an. Die Menschheit müsse sich bewusstwerden, dass die selbst verursachte Erderwärmung nicht mehr rückgängig zu machen, sondern realistisch gesehen im Bereich von plus 1,5 bis 2,5 Grad gegenüberüber dem vorindustriellen Zeitalter so zu steuern sei, dass die Folgen erträglich blieben. Zu diesen Folgen werde ein deutlicher Anstieg von vektorübertragenen Infektionskrankheiten gehören. Stechmücken treten besonders häufig als Vektoren auf. Jede Mückenart könne dank des Flugverkehrs innerhalb von 24 Stunden überall auf dem Planeten auftauchen, was wegen der unterschiedlichen Klimazonen eigentlich nicht tragisch sei. Je wärmer es aber auf der Nordhalbkugel werde, desto verlockender sei es für asiatische Tiger- und Buschmücken, sich dort niederzulassen. Das lässt sich mit KI-basierten Habitatmodellierungen vorhersagen und räumlich eingrenzen. So wird die asiatische Buschmücke, die unter anderem das West-Nil- und das Dengue-Virus übertragen kann, in der Rheinebene immer präsenter werden. Sandmücken werden eines Tages auch hierzulande Leishmaniose übertragen. „Wir müssen lernen, wie die Lebenszyklen der Viren und ihrer tierischen Reservoirs und Überträger funktionieren, um ihre Ausbreitung einzudämmen.“ Denn immerhin hätten sich seit Beginn des Millenniums sieben neue Zoonosen epidemisch oder pandemisch verbreitet, allein vier mit Ursprung in China. „Spätestens als 2002/2003 die erste SARS-Pandemie aufgetreten ist, hätten schon viele Bereiche wach werden müssen, auch die politische Ebene, um in Zukunft besser vorbereitet zu sein.“

Für eine Reallokation von Ressourcen

Jochen Maas bekräftigte die Notwendigkeit einer solchen Pandemie-Preparedness. „Wir dringen immer weiter in die letzten unberührten Gebiete der Erde vor und kommen damit immer mehr in Kreisläufe hinein, die sich früher nur zwischen Tier und Virus abgespielt haben. Dieser immer enger werdende Kontakt führt dazu, dass eine neue Pandemie kommen wird.“ Auch für Minister Al-Wazir ist die Frage zentral, „was können wir tun, um eine pandemische Bedrohung rechtzeitig zu erkennen und als Gesellschaft dagegen zu arbeiten“. In jedem Fall bedürfe es „einer Stärkung des öffentlichen Gesundheitswesens.“ Warum aber sei es so schwer, den One-Health-Ansatz der WHO wirklich umzusetzen, fragte die Moderatorin. „Möglicherweise sind wir von den komplexen Herausforderungen überfordert“, antwortete Klement Tockner. Auch werde zu wenig für die Prävention getan, verdeutlichte er mit einem „simplen Beispiel aus dem Umweltbereich“. Laut Umweltbundesamt würden in Deutschland jedes Jahr 57 Milliarden Euro in Subventionen im Landwirtschafts-, Energie-, Transport- und Bausektor gesteckt, die umweltschädliche Wirkungen hätten. „Allein eine Reallokation dieser Ressourcen in den Gesundheits- und Umweltschutz könnte massive Auswirkungen haben.“

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