Die pharmazeutische Industrie hat sich historisch vor allem der menschlichen Gesundheit gewidmet. Doch globale Entwicklungen wie der Klimawandel, zoonosebedingte Krankheitsausbrüche und der Verlust der Biodiversität zeigen zunehmend, dass ein rein humanmedizinischer Fokus zu kurz greift. Gesundheit entsteht nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt. Diese systemische Perspektive stand im Mittelpunkt des Friday Talks im Rahmen des Pharma-MBA-Programms der Goethe Business School am 30. Januar 2026 im House of Finance am Campus Westend.
Prof. Dr. Jochen Maas, Vizepräsident des House of Pharma & Healthcare, ehemaliger Geschäftsführer für Forschung & Entwicklung bei Sanofi Aventis Deutschland und langjähriger Impulsgeber an der Schnittstelle von pharmazeutischer Forschung, Innovation und Gesundheitspolitik, stellte hierbei das One-Health-Konzept als strategischen Orientierungsrahmen für die Zukunft von Gesundheit, Forschung und Innovation vor.
One Health: Gesundheit als vernetztes System
Im Zentrum des One-Health-Konzepts steht die Grundannahme, dass die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt untrennbar miteinander vernetzt ist. Prof. Maas machte deutlich, dass One Health keine akademische Debatte sei, sondern ein strategischer Rahmen für Prävention, Vorsorge und verantwortungsvolle medizinische Innovation.
Zur Einordnung dieser systemischen Perspektive wählte Prof. Maas einen Blick in die ferne Vergangenheit, ins Jahr 536 n. Chr. Am Beispiel des Niedergangs des Römischen Reiches zeigte er, wie Umweltveränderungen, Ernährungssicherheit, Tierverhalten und Krankheitsübertragung ineinandergriffen und zum Systemkollaps beitrugen. Mehrere Vulkanausbrüche führten zu einer Verdunkelung der Sonne und einem zu kühlen Sommer, was in Ernteausfällen und Hungersnöten bei Menschen und Tieren mündete. Besonders relevant war die Wanderung von Ratten – als Vektoren für die Übertragung der Pest – aus ländlichen Gebieten in Städte.
Die zentrale Botschaft: Gesundheitskrisen entstehen selten isoliert, sondern als Kaskaden vernetzter Faktoren.
Entwicklungen in Landwirtschaft, Ökologie oder Wirtschaft können sich innerhalb kurzer Zeit als gesundheitliche Krise manifestieren – und umgekehrt. Vor diesem Hintergrund ordnete Prof. Maas One Health als Denk- und Handlungsmodell ein, das Prävention stärker in den Mittelpunkt rücke und helfe, Kaskadeneffekte früh zu erkennen und zu adressieren. Gesundheit bedeute dabei nicht nur Therapie, sondern auch die bewusste Gestaltung von Umwelt- und Lebensbedingungen, um Krankheitsrisiken zu senken. Diese Perspektive erfordere jedoch auch ein Umdenken in Forschung, Politik und Regulierung – weg von Silos und hin zu holistischeren Präventions- und Innovationsstrategien.
Zoonosen und die Überschreitung biologischer Grenzen
Als zentralen Punkt von One Health stellte Prof. Maas den Zusammenhang zwischen menschlicher und tierischer Gesundheit heraus, insbesondere Zoonosen bzw. „Spillover“-Ereignisse, bei denen Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen. Prof. Maas unterlegte die Relevanz mit konkreten Zahlen: Rund 60 % der menschlichen Infektionskrankheiten hätten einen tierischen Ursprung, etwa 75 % der neu auftretenden Erkrankungen seien zoonotisch. Zudem entstünden pro Jahr weltweit etwa fünf neue menschliche Erkrankungen – drei davon mit Ursprung im Tierreich.
Dabei betonte Prof. Maas ausdrücklich, dass Zoonosen nicht – wie oft angenommen – ein „tropisches“ Phänomen seien. Auch Europa sei integraler Bestandteil dieser globalen Risikolandschaft, unter anderem durch intensive Tierhaltung. Besonders anschaulich wurde dies am vorgestellten Konzept des „Mixing Vessels“, also eines Wirts, in dem Virusvarianten unterschiedlichen Ursprungs zusammenkommen, sich genetisch neu kombinieren und potenziell zu hochinfektiösen neuen Virusvarianten führen könnten. In großen Schweinezuchten etwa könnten Influenzaviren aus Mensch, Vogel und Schwein auf engem Raum aufeinandertreffen – mit schwer kalkulierbaren Risiken.
Prof. Maas zeigte zudem die Verknüpfung zwischen neuen Infektionsrisiken und dem Klimawandel. Steigende Temperaturen, aber auch erhöhte internationale Mobilität, ermöglichten beispielsweise die Ausbreitung von Krankheitsüberträgern wie Mücken in neue Regionen. Dadurch könnten Krankheiten wie Dengue oder Zika künftig auch hierzulande übertragen werden. Zudem könnten uns in Zukunft viele bislang unbekannte Viren begegnen. Prof. Maas machte deutlich, dass bis heute unklar sei, wie viele potenziell für den Menschen infektiöse Viren existierten. Schätzungen gingen von mindestens 10.000 verschiedenen Viren allein in Fledermäusen aus.
Vor diesem Hintergrund gewännen Modellierungen an Bedeutung, die zeigten, dass steigende Temperaturen und veränderte ökologische Bedingungen die Interaktionen zwischen Arten verstärken und damit auch das sogenannte „Viral Sharing“ begünstigen könnten. Gleichzeitig sei lange unterschätzt worden, wie anpassungsfähig die Genome von Viren und Bakterien seien.
Prof. Maas betonte, dass strategische Vorsorge nicht erst bei der Entwicklung von Therapien und Impfstoffen beginne, sondern deutlich früher – etwa bei systematischer Genom- und Virus-Surveillance in Wildtierpopulationen, wie zum Beispiel der Sequenzierung von Fledermausgenomen in Brasilien.
Für Wissenschaft und Gesundheitspolitik ergäben sich daraus konkrete Fragen: Wo sollte Surveillance priorisiert werden – bei Wildtieren, Nutztieren, Vektoren oder entlang von Handels- und Reiserouten? Welche Regionen sind besonders gefährdet? Wie lässt sich frühzeitig handeln, bevor aus einem „Spillover“ ein größerer Ausbruch entsteht, wie wir ihn während der COVID-19-Pandemie erlebten? Und – besonders wichtig – wie könnte eine Strategie zur vollständigen Eliminierung bestimmter menschlicher Infektionskrankheiten aussehen?
Prof. Maas erklärte am Beispiel der parasitären Erkrankung Schistosomiasis, dass ein rein humanmedizinischer Therapieansatz hier nicht ausreiche. Diese könne zwar die Erkrankung behandeln, sie aber nicht vollständig eradizieren, solange das ökologische System mit seinen Zwischenwirten bestehen bleibe.
Hier wird die multidisziplinäre Natur des One-Health-Konzepts besonders deutlich: Eine effektive Bekämpfung erfordert Interventionen entlang des gesamten Übertragungszyklus – von der medizinischen Therapie für Menschen bis zu Umweltmaßnahmen zum Management der Zwischenwirtspopulationen.
Prävention und strategische Vorsorge: Impfstoffe und das Paradox der antimikrobiellen Resistenz
Im weiteren Verlauf stellte Prof. Maas Prävention, strategische Vorsorge und Innovation als zentrale Handlungsmaximen im One-Health-Kontext vor. Er erläuterte, dass Impfstoffe eine wichtige Säule der Pandemievorsorge darstellten, thematisierte aber zugleich gesellschaftliche Herausforderungen wie Impfmüdigkeit und Vertrauensverlust in die medizinische Forschung. Plattformtechnologien wie mRNA, auf denen zum Beispiel mehrere SARS-CoV-2-Impfstoffe basieren, stünden exemplarisch für Innovation und schnelle Reaktionsfähigkeit, verdeutlichten jedoch auch, dass für Infektionsprävention stabile politische Prioritäten und langfristige Investitionen erforderlich seien. Ein zentraler systemischer Stresstest im One-Health-Kontext sei die steigende antimikrobielle Resistenz (AMR) die mit fehlender Innovation im Bereich der Antibiotika einhergehe. Prof. Maas beschrieb das grundlegende Paradox: Antibiotika seien teuer in der Entwicklung, müssten aber aus Gründen des Stewardship möglichst zurückhaltend eingesetzt werden. Medizinische Notwendigkeit, Public-Health-Interessen und klassische Geschäftsmodelle der pharmazeutischen Industrie gerieten dadurch in Konflikt. Als Indikator für diese strukturelle Schieflage nannte er eine eindrückliche Zahl: 1980 verfügten 36 der 50 größten Pharmaunternehmen über eigene Forschungsabteilungen für Infektionskrankheiten, 2020 waren es nur noch vier. Forschung finde zwar weiterhin statt, verlagere sich jedoch zunehmend in akademische und kleinere unternehmerische Strukturen.
Es brauche hierfür Modelle, die Antibiotikaforschung und -entwicklung für Pharmafirmen attraktiver machten, wie etwa das „Voucher“-Modell der EMA, bei dem die Entwicklung von Antibiotika an verlängerte Exklusivität für andere Produkte gekoppelt werde könne. Solche Modelle seien von großer Bedeutung, um für die menschliche und tierische Gesundheit kritische Antibiotika zu entwickeln und hohen weltweiten Todesraten durch antibiotikaresistente Bakterien entgegenzuwirken.
Klimawandel und Biodiversitätsverlust: Schwindende Gesundheits- und Innovationsressourcen
Neben Infektionskrankheiten ging Prof. Maas auch auf andere Krankheitsbilder ein, die durch den Klimawandel beeinflusst würden, wie zum Beispiel respiratorische Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes. Die Ursachen hierfür seien vielfältig. So erwähnte Prof. Maas, dass sich beispielsweise die Pollensaison deutlich nach vorne verschoben habe: In Deutschland beginne die Haselnusspollensaison heute rund zwei Monate früher als noch um das Jahr 2000. Gleichzeitig brächten zugewanderte Pflanzenarten zusätzliche Allergene mit sich, was respiratorische Erkrankungen verstärken könne. Zwar zeigten sich für nicht übertragbare Erkrankungen laut Prof. Maas oft keine einfachen Ursache-Wirkung-Beziehungen, wohl aber eine Zunahme von Risikofaktoren wie Hitze, Luftverschmutzung oder psychosozialem Stress.
Zudem rückte Prof. Maas die Bedeutung der Biodiversität in den Fokus, die nicht nur für ökologische Stabilität relevant sei, sondern auch eine zentrale Ressource für medizinische Innovation darstelle. Von 21 etablierten Antibiotika seien 17 Naturprodukte, und ein Großteil, der zwischen 1980 und 2020 zugelassenen Arzneimittel stehe in direkter oder indirekter Beziehung zu Naturstoffen – als Naturprodukte, Derivate oder naturinspirierte chemische Strukturen. Der Verlust von Arten bedeute daher auch den Verlust potenzieller Wirkstoffe. Darüber hinaus beeinflusse Biodiversität Hygiene, Infektionsdynamiken und die mentale Gesundheit – mit messbaren Effekten auf das Wohlbefinden.
Führung, Verantwortung und europäische Perspektiven
Zum Abschluss richtete Prof. Maas den Blick auf Führung und Verantwortung. One Health verlange Entscheidungen und Strategien, die über kurzfristige Kennzahlen hinausgingen und langfristige gesellschaftliche Wirkungen berücksichtigen. Unternehmen, Politik und Wissenschaft trügen hierbei eine gemeinsame Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Gesundheitssystemen sowie Patienten.
Das große Interesse der zahlreich anwesenden Studierenden des Pharma-MBA-Studiengangs und der Gäste aus der pharmazeutischen
Industrie zeigte sich in einer engagierten Diskussion zu verschiedenen Facetten der One-Health-Thematik, von globaler Pharmastrategie, der Verantwortung des Einzelnen, der Industrie und von Politik und Regulatorik bis hin zu genetisch veränderten Moskitos und neuen antiviralen Therapien. Auch die zukünftige Rolle Europas wurde thematisiert: als attraktiver Standort für verantwortungsvolle Forschung und wissenschaftliches Talent, aber auch mit der Aufgabe, Forschungskapazitäten in endemischen Regionen nachhaltig zu stärken, statt sogenannte „Brain-Drain-Effekte“ zu verstetigen.
Fazit
Der Friday Talk von Prof. Maas machte deutlich, dass One Health weit mehr ist als ein theoretisches Konzept. Es ist ein praxisrelevanter Denk- und Handlungsrahmen, um die komplexen Wechselwirkungen von Klima, Biodiversität, Tier-Mensch-Schnittstellen, Mobilität und Innovationsökonomie zu verstehen – und daraus bessere Entscheidungen für Prävention, strategische Vorsorge und verantwortungsvolle medizinische Innovation abzuleiten. Ein wichtiges Take-away für die jetzigen und zukünftigen Entscheidungsträger der pharmazeutischen Industrie.