Mutige Innovatoren können durch Digitalisierung nur gewinnen

Prädikative und Präskriptive Datenanalytik verändern das Gesundheitswesen

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens eröffnet bisher unbekannte Quellen der Information und erschließt innovative Instrumente der Vernetzung, von Medikamenten-Apps über virtuelle Arztbesuche bis hin zum optimierten Design klinischer Studien und vielfältig ausdifferenzierten Formen des Marketings. Neue Speichertechnologien und leistungsfähigere Analysemöglichkeiten machen es immer einfacher, den rasch anschwellenden Strom von Gesundheitsdaten zu erfassen und zielgerichtet auszuwerten. Welche Konsequenzen das für die medizinische Praxis und die pharmazeutische Wertschöpfungskette haben wird, thematisierte ein Workshop, der von dem Unternehmen IQVIA organisiert wurde, das aus dem Zusammenschluss von IMS Health und Quintiles entstanden ist. „Die Digitalisierung bietet dem Gesundheitswesen drei Kernvorteile“, sagte Dr. Frank Wartenberg, Chef des Zentraleuropa- Geschäfts von IQVIA. „Erstens neue und tiefere Einsichten, zweitens mehr Effizienz und Effektivität sowie drittens neuartige und wirkungsvollere Interaktionen.“ Als besonders vielversprechend für die Interpretation komplexer Datenstrukturen erwiesen sich die Verfahren der prädiktiven und der präskriptiven Analytik. Erstere versuchen, die Eintrittswahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse vorauszuberechnen, letztere die optimale Vorgehensweise in definierten Situationen zu bestimmen. So könne man etwa durch die prädiktive Analyse kollektiver Versorgungsdaten, erläuterte Dr. Agnieszka Wolk am Beispiel der Arthrose, die Krankheitsprogression einzelner Patienten prognostizieren. Grundlage dafür seien anonymisierte Patientendaten aus 2.500 deutschen Praxen, die von ler nenden Rechenmaschinen verarbeitet würden. Diagnostisch lasse sich unter Nutzung ausreichend vieler Versorgungsdaten auch errechnen, unter welcher Erkrankung ein Patient wahrscheinlich leidet oder leiden wird und welche Therapie für ihn am hilfreichsten ist.

Machtverschiebung in der klinischen Entscheidungsfindung

Eine solche von künstlicher Intelligenz unterstützte Analytik ermöglicht es auch, die Einschlusskriterien für klinische Studien besser zu definieren. Das sei umso wichtiger, so Wolk, als individuelle Therapien immer kleinere Patientengruppen ansprächen. „Maschinelles Lernen auf Basis anonymisierter Behandlungsinformationen kann die für eine bestimmte Studie am besten geeigneten Patienten, wie auch die potenziell produktivsten Studienzentren identifizieren.“ Auch im kommerziellen Umfeld wachse der digitalen Vernetzung im Sinne eines „Multi-Channel-Marketings“ immer mehr Bedeutung zu. Stünden pharmazeutischen Unternehmen doch neben den klassischen Außendienstbesuchen eine Vielzahl neuer Kommunikationskanäle zur Verfügung, um mit Ärzten in Kontakt zu treten, zum Beispiel Webinare. Insgesamt werde die digitale Transformation zu einer „Machtverschiebung“ in der klinischen Entscheidungsfindung führen. Sie werde den Einfluss von Ärzten verringer n, aber denjenigen von Datenbesitzern und Technologiefirmen erhöhen. Letztendlich könnten aber alle Stakeholder des Gesundheitssystems von digitalen Lösungen profitieren. „Die Digitalisierung ist gerade dabei, den Status quo zu zerstören“, bilanzierte Frank Wartenberg. „Mutige Innovatoren können dadurch nur gewinnen, wenn sie es richtig anpacken und umsetzen."