Digital, automatisiert und mobil

Zukunftsperspektiven des Gesundheitsmanagements

Das Gesundheitsmanagement wird in Zukunft personalisiert auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein und sich dabei vornehmlich auf digitale, automatisierte und mobile Lösungen stützen. Diese These entfaltete Dr. Stefan Weiss in einem von seinem Arbeitgeber Zühlke Engineering veranstalteten Workshop unter den drei Perspektiven der Technologien, der Patienten und der Geschäftsmodelle.

Technologisch könne man aus der Entwicklung der Behandlung des Typ-1-Diabetes „die Zukunft der gesamten Medizin schon sehr gut herauslesen“. So kombiniere die hybride artifizielle Bauchspeicheldrüse, 2016 erstmals zugelassen, Sensoren zur Glucosemessung mit Aktuatoren, die auf deren Signale hin die notwendige Insulindosis ausschütteten. Bald schon würden multiparametrische Messungen am oder im Körper möglich sein. Neue Erkenntnisse ergäben sich auch daraus, dass immer mehr mobile Gesundheitsgeräte über standardisierte Plattformen miteinander verbunden seien. Erst wenn die „extrem ansteigende Datenmenge“ aus Medizingeräten aber analysiert werde, könnten sich daraus bahnbrechende Fortschritte ergeben. So habe Google beispielsweise 130.000 Aufnahmen von Netzhäuten von Augenärzten bewerten und kategorisieren lassen, um anschließend eine lernende Maschine auf diesen Daten zu trainieren. Diese können nun diabetes-assoziierte Netzhautschäden mindestens genauso gut diagnostizieren wie Augenärzte.

Für Patienten und Ärzte resultiere aus dieser technologischen Entwicklung eine fundamentale Veränderung ihres bisher von der ärztlichen Autorität bestimmten Verhältnisses. „Der Arzt wird zum Berater aufgrund der Datenlage, die therapeutischen Entscheidungen trifft zunehmend der Patient selbst.“ Je nutzerfreundlicher intelligente, körpernahe Medizingeräte würden, desto schneller werde diese Situation eintreten. Immer selbstverständlicher würden für Patienten auch medizinische Chatbots werden, mit denen sie sprachgesteuert kommunizieren könnten. Diese Bots könnten Ärzte zwar nicht ersetzen, sondern nur ergänzen, hätten aber für Patienten zwei große Vorteile: Sie seien rund um die Uhr zu erreichen und ihre Diagnostik sei nicht subjektiv, sondern von objektiven Daten getrieben.

Vorsicht vor Amazonisierung des Pharmageschäftes

„Im Zentrum künftiger Gesundheits-Geschäftsmodelle werden die Daten stehen“, sagte Weiss. „Um sie herum wird sich ein ganzes Ökosystem bilden.“ Ob dabei langfristig Big Pharma oder Big Tech die Nase vorn haben werde, sei noch nicht entschieden. Die Big-Tech-Firmen seien lange belächelt worden, weil die Eintrittshürden in den hochregulierten Pharmamarkt für sie viel zu hoch seien. Jüngst aber sei mit der Apple Watch ein „Game Changer“ auf den Markt gekommen. Software sei viel schneller skalierbar als die Medikamentenproduktion, jedoch auch viel schwerer zu schützen. Wie unschätzbar der Vorteil ist, mit digitalen Apps „Zugang zu echten Patienten und nicht nur zu Ärzten und Apothekern“ zu bekommen, erläuterte Weiss am Erfolg des Start-ups Propeller Health, das nichts weiter getan habe, als „ein Asthmaspray zu digitalisieren“, indem es über einen Inhalersensor die Nutzung dieses Sprays misst und den Patienten standort- und wetterabhängige Tipps gibt, wann und in welcher Dosis der Spray optimal anzuwenden sei. Die Nutzung als Notfallspray konnte dadurch deutlich reduziert werden.

„Der Patient von morgen möchte kein Arzneimittel mehr, er möchte eine Lösung für sein individuelles Problem“, sagte in der anschließenden Diskussion Professor Jochen Maas (Sanofi-Aventis). Für die Lösung bedürfe es der Integration der „vier Ds“ von Diagnostics, Drugs, Devices und Data. Kein einziges Unternehmen der Welt decke alle vier Ds ab. „Als Big Pharma sollten wir uns nicht anmaßen, Big Tech im Datenmanagement zu schlagen. Deswegen müssen wir mit denen kooperieren. Nur so können wir eine Amazonisierung des Pharmageschäftes verhindern, indem wir zu reinen Lieferanten degradiert werden.“